Hallo,
ich bin 14 Jahre alt, wohne in Bremen und möchte mich vertraulich bei euch informieren.
Mir geht es zu Hause gut und meine Eltern behandeln mich gut, aber wegen strenger familiärer und religiöser Regeln (z. B. beim Thema Kopftuch, Make-up und Jungs) fühle ich mich oft nicht wohl.
Ich möchte vorerst nicht ausziehen und möchte auch keinen Besuch von jemandem bei mir zu Hause. Ich möchte mich erst einmal nur unverbindlich informieren.
Wisst ihr, wie das generell abläuft, wenn man sich irgendwann für eine Pflegefamilie interessiert? Und gibt es in Bremen aktuell moderne libanesische oder arabische Pflegefamilien, die offen und nicht streng religiös sind?
Vielen Dank für eure Rückmeldung!
Beratung
Hallo lara2678956,
danke für deine Anfrage und deinen Mut, dich an die Onlineberatung zu wenden.
Ein Auszug aus dem Elternhaus geht über das Jugendamt. Dort kann die Thematik bzw der Auszugswunsch beim zuständigen Casemanager* oder der zuständigen Casemanangerin* angesprochen werden und gemeinsam wird erörtert, was genau für die betreffende jugendliche Person sinnvoll ist.
Es gibt viele verschiedene Unterstützungsmöglichkeiten durch das Jugendamt. Zum Beispiel gibt es auch sogenannte Familienhelfer_innen, die die Familie unterstützen, stress- oder druckfreier miteinander umgehen zu können.
Für Kinder und Jugendliche, denen es zu Hause nicht gut geht, besteht auch die Möglichkeit um Inobhutnahme zu bitten und vorerst in einer Kriseneinrichtung unterzukommen. Dann wird von dort aus mit dem Mädchen*, den Jugendamtsmitarbeiter_innen, den Sozialarbeiter_innen in der Einrichtung sowie den Eltern erarbeitet, welche Hilfe dienlich sein kann. Das kann ein Auszug in eine Pflegefamilie, eine betreute Wohngruppe, aber auch eine Unterstützung in der Familie sein.
Du beschreibst, dass es dir zu Hause gut geht. Gleichzeitig wünschst du dir vielleicht andere Möglichkeiten für dich als deine Eltern dir zugestehen möchten oder können. Das ist im Grunde eine "typische" jugendliche Situation: junge Menschen schauen, welche Werte und Regeln sie von den Eltern, aus der Familie übernehmen möchten und welche sie für sich nicht passend finden. Darüber gibt es dann Auseinandersetzungen und Aussprachen in der Familie um eine für alle passende Lösung zu finden. Würdest du denn sagen, dass du mit deinen Eltern über deine Wünsche bezogen auf Kleidung, Make-Up oder Kontakt zu Jungen sprechen kannst? Konntest du bei für dich wichtigen Dingen schon einmal so auf die Meinung deiner Eltern dazu reagieren, dass es für dich gut war? Oder ist es eher schwer, Veränderungen in der Familie anzuregen?
Ob im Moment in Bremen Menschen als Pflegeeltern arbeiten, die libanesische oder arabische Wurzeln haben, wissen wir leider nicht. Das kann man aber an den entsprechenden Stellen erfragen, sobald du das Gefühl hast, dir weitere Hilfen einholen zu wollen.
Viele Grüße aus dem Bremer Mädchenhaus
Hallo,
vielen Dank für die liebe und ausführliche Antwort!
Zu Ihren Fragen:
Es ist für mich sehr schwer, mit meinen Eltern über meine Wünsche (wie Kleidung, Make-Up, Ausgehen oder Freunde) zu sprechen. Wenn ich das versuche, gibt es sehr schnell Streit und es wird nicht akzeptiert. Deshalb habe ich das Gefühl, mich zu Hause nicht so entfalten zu können, wie ich möchte.
Mir ist es sehr wichtig, dass ich mich in meiner Kultur wohlfühle, aber gleichzeitig mehr Freiräume habe (wie z. B. auch mal bis 22 Uhr draußen zu sein). Deshalb wünsche ich mir so sehr eine libanesische oder arabischsprachige Familie, die modern und weltoffene Werte vertritt.
Es wäre wirklich sehr lieb, wenn Sie bei den Stellen nachfragen könnten, ob es in Bremen aktuell Pflegefamilien gibt, auf die das zutrifft.
Danke für Ihre Unterstützung!
Liebe Grüße
Guten Abend lara2678956,
deinen Wunsch, dich in deiner Kultur wohl zu fühlen und eventuell moderner leben zu können, können wir gut verstehen. Vielleicht gibt es die Möglichkeit, mit einer erwachsenen Person deines Vertrauens (möglicherweise kennst du selbst moderne libanesische oder arabische Menschen, die dies sein könnten und dich im Gespräch begleiten können) in einen Austausch mit deinen Eltern zu Kleidung, Kopftuch oder Ausgehzeiten zu gehen. Vielleicht lassen sich deine Eltern in einem solchen Gespräch auf für dich passende Veränderungen ein?
Sollte dein Auszugswunsch akuter werden, würde dies über das Jugendamt laufen. Im Jugendamt kennt man möglicherweise Pflegefamilien, wie du sie dir wünscht. Auch bei der Organisation PIB (Pflegeeltern in Bremen) könnten Familien engagiert sein, die deinem Wunsch entsprechen. Aber, ob diese dann Platz haben, wenn du einen Platz suchst, oder ob sie dann noch als Pflegefamilie tätig sein werden, bleibt völlig unklar. Darum funktioniert eine Klärung dieses Wunsches leider erst, wenn du eine Entscheidung treffen kannst.
Im Mädchenhaus ist eine solche Familie leider nicht bekannt und wir können keinen Kontakt herstellen.
Liebe Grüße aus dem Mädchenhaus Bremen